Der Storch baut und bewohnt sein Haus . . .
Mit Paul Gerhardt Naturschutz unterm Kirchturm
Eines der Lieder, die in den Sommermonaten in unseren alten Kirchen gern und häufig gesungen werden ist das Paul-Gerhardt-Lied „ Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerszeit an deines Gottes Gaben ...“ In diesem Paul Gerhardt Jahr wird es sicher noch mehr gesungen werden! Paul Gerhardt nimmt selbverständlich die ganze Schöpfung in seine Liedtexte auf, vom Erdreich über die Pflanzen und Bäume bis zu den Tieren in Garten, Feld und Flur. Besonders mit diesem Lied, aber auch mit den Psalmen und biblischen Texten loben wir Gott, den „Schöpfer, des Himmels und der Erde".
Viele mühen sich um den Erhalt unserer alten Kirchen. Als Baudenkmäler aus vergangener Zeit sind sie wertvoll, als Versammlungsort für Gemeinden und viele Gäste werden sie lebendig. Das lateinische Wort „conservare“ kann man mit dem Wort „bewahren“ übersetzen.
Für den Denkmalschutz bedeutet es die Erhaltung des Gebäudes, die Ausmalung des Kircheraumes, die Erhaltung wertvoller Altäre, Bilder, ja den alten Zustand bewahren und konservieren. Im ersten Buch der Bibel lesen wir „ Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ Mit Bewahren ist hier etwas anderes gemeint. Es geht um uns Menschen und wie wir mit der Erde umgehen, mit dem Boden, mit Luft und Wasser, mit Flora und Fauna.
Zur Bewahrung der Schöpfung leisten unsere alten Kirchengebäude heute einen wichtigen Beitrag. Auch auf unseren Dörfern sind in den letzten Jahrzehnten, durch den Rückgang der Landwirtschaft und damit der Umnutzung von Ställen und Scheunen, Lebensräume wie sie Paul Gerhardt noch selbverständlich beschreibt „der Storch baut und bewohnt sein Haus, das Schwälblein speist die Jungen“ für viele Tiere verloren gegangen. Dennoch, für immer mehr Menschen nimmt der Umwelt- und Naturschutz heute einen wichtigen Stellenwert ein. Das Umweltbewusstsein ist groß, doch müssen wir häufig erkennen, dass Umweltbewusstsein und umweltbewusstes Handeln oft zwei sehr verschiedene Dinge sind. Durch unser Handeln im Alltag, durch Fantasie und Aufmerksamkeit können wir der Verarmung und Zerstörung von Natur und Umwelt entgegentreten.
Kirchengebäude, Friedhöfe und Feldsteinmauern als wichtige Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Da erklimmt der Efeu die alten Mauern und bietet Insekten, Vögeln und anderen Kleintieren wertvolle Nischen und Schutz. Wo die Fassaden in Ordnung sind, gibt es auch keine Schäden am Mauerwerk durch die alte Kletterpflanze. In vielen Kirchen befinden sich inzwischen Nistkästen für die Schleiereule. Eine Art, die auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten steht.
Durch die Unterstützung der Kirchengemeinden konnten Mitglieder der Naturschutzverbände eine Reihe von Aufzuchten der Schleiereule in den Nistkästen auf Kirchtürmen nachweisen. Die Erstellung der Nistkästen sollte nach Möglichkeit immer mit Naturschutzfachleuten gemeinsam durchgeführt werden, da dabei eine Reihe von Kriterien beachtet werden müssen. Durch die Kästen wird auch eine manchmal beklagte Verschmutzung des Turmbereiche vermieden.
Eine ganze Reihe weiterer Tierarten nutzen die Türme und Dachböden, um dort ihren Nachwuchs aufzuziehen. Seltener ist das große Nest des Storches noch auf einer Kirche zu finden, aber auch dies gibt es. Oft ist die Kirche mit einem Storchennest zu einem besonderen Anziehungspunkt geworden.
In der Dämmerung der Abendstunden können wir den Flug der Fledermäuse beobachten, auch sie sind in vielen Kirchen zu finden. Sie sind ebenfalls in ihrem Bestand bedroht. Hauptnahrungsquelle sind für die Fledermäuse wie für viele andere Vögel Insekten.
Ab und zu kann es auch Konflikte zwischen Denkmalschutz, unserer Ästhetik und unserem Ordnungssinn und den Mitgeschöpfen geben.
Da soll eine Kirche endlich ein neues Dach bekommen und der Naturschutz sagt, das erst der Ausflug der jungen Fledermäuse, Schleiereulen oder anderer Tiere abgewartet werden muss. Leider kommt es noch vor, das diese Inetressen unserer Mitgeschöpfe einfach außer acht gelassen werden. Aber immer häufiger werden Wege gefunden, die die Bedürfnisse beider Seiten berücksichtigen.
Gerade auf unseren Dörfern sind die Kirchen häufig von einem Friedhof oder einem ehemaligen Friedhof, der heute zum Park geworden ist, umgeben. Dort stehen alte Bäume, Hecken und Sträucher. In dieser Ruhezone haben sich Tiere und Pflanzen angesiedelt.
Ein pensionierter Lehrer hat im Nordwesten Brandenburgs, in der Prignitz hunderte solcher Orte besucht und eine Bestandsaufnahme vorgelegt. Erstaunlich, wie viele Pflanzen er hier entdeckt hat, hunderte seltene, teilweise vom Aussterben bedrohte Arten konnte er nachweisen, „lebendige Orte“!
Wer mit wachen Sinnen und offenen Augen die herrliche Schöpfung Gottes, sicher nicht nur in Kirchen und ihrer Umgebung wahrnimmt, der kann fröhlich mit Paul Gerhardt singen „ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun, erweckt mir alle Sinne . . .“.
Der Glaube an den Schöpfer und Vollender der Welt gibt uns die Kraft, unsere Schöpfungsverantwortung wahrzunehmen. Deshalb singen wir bittend mit Paul Gerhardt:
„Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.“
Reinhard Dalchow